Die Geschichte des Marstalls

Der Liebe des Grafen Ernst Conrad von Schimmelmann (1820 – 1885) zu edlen Pferden verdankt Ahrensburg eines seiner schönsten Gebäude, den Marstall. 1845, ein Jahr nachdem Ernst Schimmelmann Ahrensburg übernommen hatte, wurde mit dem Bau begonnen, der damals in schriftlichen Aufträgen an die Handwerker schlicht als „neuer Pferdestall“ bezeichnet wurde. Ausgeführt wurde das Gebäude als eingeschossiger Dreiflügelbau mit Rundbogenöffnungen und betonten Bogenrahmen. Gleichzeitig entstanden hinter dem Pferdestall eine Reithalle und auf der anderen Straßenseite das Torhaus, das 1898 aufgestockt und 1960 abgerissen wurde. Ernst Schimmelmann hatte einen Gartenarchitekten namens Ohlendorff angestellt, der für den Bau des Marstalls und des Torhauses verantwortlich war.

Die rege Bautätigkeit, die der damals 25jährige Graf Ernst Schimmelmann in Gang setzte, brachte den Handwerkern des Dorfes Woldenhorn große Aufträge. Zimmermeister Wulf, Tischlermeister Griesenberg, Glasermeister Weimar, Maurermeister Beckmann und Tischlermeister Kottwitz führten die entsprechenden Arbeiten durch.

Der eigentliche Pferdestall befand sich im Mittelteil des Gebäudes. Im linken und rechten Teil wurden Wohnungen für Angestellte eingerichtet. Auf der linken Seite wohnte seit 1913 der Schlossgärtner. Die Gärtnerei mit Gewächshäusern lag direkt links daneben. Im rechten Teil wohnte der Landvogt des Grafen, Paul Krohn. Der alte Pferdestall auf der Schlossinsel konnte – ebenso wie die anderen Viehställe, das Backhaus und die Brauerei – abgerissen werden. Sie wurden auf dem Gutshof jenseits der in den Jahren 1841 – 1843 gebauten Chaussee neu errichtet. Auf der Schlossinsel entstand anstelle des Wirtschaftshofes ein Landschaftsgarten im englischen Stil.

Die Vorfahren des Grafen Ernst hatten keine Pferdezucht betrieben. Sein Urgroßvater, Heinrich Carl von Schimmelmann (1724 – 1782), Schatzmeister des dänischen Königs, hatte Gut und Schloss 1759 erworben und tatkräftig Schloss Ahrensburg und seine Umgebung, das Gut und den Ort Woldenhorn umgestaltet. Die für die Gutsarbeiten benötigten Tiere wurden gekauft, auch die Reit- und Kutschpferde. Im Jahre 1759 hatte der Stallmeister Johann Gottlob Kluge 16 Pferde zu betreuen. In den Dorfsippenbüchern wird Kluge 1759 als „Bedienter des Herrn von Ahrensburg“, 1763 als Stallmeister und 1766 als Stall- und Kellermeister genannt. „Sorgen Sie dafür, dass erstklassige Tiere in den Ställen zur Verfügung stehen“, lautete der Auftrag von Heinrich Carl Schimmelmann, in dessen Diensten Kluge stand. Es ist überliefert, dass der Schatzmeister, der viel Wert auf Repräsentation legte, gern sechsspännig nach Hamburg reiste. Das dabei aufgelegte Prunkgeschirr der Pferde hat heute seinen Platz in der Eingangshalle des Schlosses, früher hing es im Marstall. Dass Kluge neben seinem Amt als Stallmeister auch das des Kellermeisters ausübte, lässt darauf schließen, dass die Arbeiten im Stall nicht so sehr umfangreich waren. Als sein Schwiegersohn Roers 1785 Kluges Nachfolger wurde – damals war bereits Friedrich Joseph Schimmelmann Herr auf Ahrensburg – arbeitete er darüber hinaus noch als Frisör der Gräfin Ernestine.

Schatzmeister Heinrich Carl von Schimmelmann soll nach dem König der reichste Mann Dänemarks gewesen sein. Nach seinem Tode 1782 entfielen auf jeden Erben 100.688 Reichstaler sowie wertvolle Weine, Juwelen und Silber. Die drei Kinder erbten zusätzlich jeder ein großes Gut mit reich ausgestattetem Schloss. Der Erbe Ahrensburgs, Friedrich Joseph (1754 – 1800), hatte aber so viel Schulden, dass sie nicht einmal aus den Erbschaftsgeldern abgetragen werden konnten. Das blühende Ahrensburg des Schatzmeisters Heinrich Carl verfiel schnell wieder. Friedrich Joseph konnte sich ebenso wenig wie sein Sohn und Erbe Josef Friedrich (1787 – 1833) den Luxus eines Familiengestüts leisten.

Erst als das Familienvermögen der gesamten Familie Schimmelmann wieder in Ahrensburg zusammenfloss, weil die anderen männlichen Linien ausgestorben waren, konnte der Urenkel des Schatzmeisters, Ernst Conrad Schimmelmann (1820 – 1885), mit der Pferdezucht beginnen. Er züchtete Araber. Seine Pferdezucht wurde weltberühmt. Er verkaufte unter anderem an den schwedischen, russischen und österreichischen Königshof. Für seinen eigenen Stall erwarb er Pferde aus berühmten Gestüten, so z.B. vom König von Württemberg.

Den engen Beziehungen seiner Schwiegereltern von Lützerode zum sächsischen Königshof in Dresden verdankte Ernst Conrad Schimmelmann die Bekanntschaft mit einem hervorragenden Pferdekenner: Albert Bernhard Heinze. Heinze stand als Stallmeister in Diensten des sächsischen Königs. 1848 ging er mit Schimmelmann nach Ahrensburg und übernahm die Leitung des gräflichen Gestüts. Im Auftrage Schimmelmanns erwarb Heinze den Araberhengst „Hadji“, der zum Stammvater vieler erfolgreicher Vollblüter und Halbblüter in Schleswig-Holstein wurde. Im Treppenhaus des Schlosses erinnern mehrere Pferdebilder des bekannten Malers Emil Völkers an diese glanzvolle Epoche.

Pferde aus dem Ahrensburger Gestüt nahmen sehr erfolgreich an Pferderennen teil, z. B. in Düsseldorf. Aber auch in Ahrensburg fanden Pferderennen statt, so als Höhepunkt der 1857 durchgeführten Veranstaltung „Tierschau und Wettrennen in Ahrensburg“. Diese Veranstaltung war auch Anlass zum Prägen einer Gedenkmedaille. Nicht nur die Ahrensburger Handwerker profitierten von diesem Ereignis – so baute Zimmermeister Wulf eine Tribüne für 400 Personen – die Hotels und Gastwirtschaften hatten Hochkonjunktur. Bierzelte und Karussells standen den Gästen und Einwohnern Ahrensburgs zur Unterhaltung zur Verfügung. In Wandsbek stationierte Dragoner sollten für einen geregelten Ablauf der Veranstaltung sorgen, kamen aber nicht zum Einsatz, weil das Fest störungsfrei ablief. Der Festball fand im Hotel „Posthaus“ statt. Bei der Abrechnung stellte man fest, dass 3.800 Eintrittskarten verkauft worden waren. Den entstandenen Trubel im Ort kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass Ahrensburg damals 1.500 Einwohner zählte. Auf dem Gestütshof Hagen wurden in gewissen Abständen Pferde aus dem Schimmelmannschen Besitz meistbietend verkauft. Dort trafen sich Pferdekenner und Interessenten aus nah und fern. Es war immer ein großes gesellschaftliches Ereignis.

Nach dem Tode Ernst Conrad Schimmelmanns 1885 gab sein Sohn und Nachfolger Carl Gustav (1848 – 1922) die Araberzucht zugunsten der englischen Rasse auf. Die Ursache für diesen Wechsel der Pferderasse lag in den engen Beziehungen der Familie Schimmelmann zum Herrscherhaus in Berlin und dem dort herrschenden Trend zur englischen Lebensart. (Die Frau Kaiser Friedrichs III, Victoria, war die Tochter der englischen Königin Victoria und ihres Gemahls Albert von Sachsen Coburg-Gotha.) Der erfolgreiche Stallmeister Albert Heinze verließ daraufhin seinen Arbeitsplatz im Gute Ahrensburg.

Im Juni 1896 wäre fast das Ende des Marstalls gekommen. Während eines Gewitters schlug der Blitz in die alte Scheune des Gutshofes ein. Das Feuer breitete sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Eine halbe Stunde später brannten 13 Gebäude, auch die strohgedeckte Reithalle aus dem Jahre 1847. Die Ahrensburger Feuerwehr übernahm die schwierige Aufgabe, den unmittelbar danebenliegenden Marstall zu schützen. Er war mit Ziegeln gedeckt, die in Strohwiepen lagen. In letzter Minute konnten alle 30 Rassepferde aus dem Marstall gerettet werden. Im gleichen Jahr wurden die Gebäude wieder errichtet.

Graf Carl Gustav Schimmelmann besaß etwa 50 Rennpferde, die im Marstall und in anderen Ställen auf dem Gutsgelände untergebracht waren. Sie nahmen mit wenig Erfolg an Pferderennen in Bad Oldesloe und Bad Segeberg teil. Im Marstall standen auch die Kutschpferde, die der gräfliche Kutscher Kretschmann – genannt Kreuzmann – betreute. Seine Familie stand seit Generationen im Dienste der gräflichen Familie. Der Schatzmeister Carl Heinrich Schimmelmann hatte einst Johann Jacob Kretschmann aus Dresden über Hamburg nach Ahrensburg mitgebracht und ihn als Jägerburschen auf dem herrschaftlichen Hofe beschäftigt. Dessen 1824 geborener Enkel Christian war gräflicher Kutscher und verbrachte seinen Lebensabend in der sogenannten „Schlosswache“ am Eingang Bagatelle. Christian Kretschmanns Sohn Adolf Karl übernahm die Stellung seines Vaters, auch er wurde Kutscher. Der Kutscher Adolf Karl Kreutzmann lebte mit seiner Frau Anna im Verwalterhaus auf dem Gutshof am Schloss. Die gelernte Mamsell kochte dort für die Knechte und Mägde des Gutes. Kreutzmann, der stets Livree trug, reiste häufig im Auftrage des Grafen nach Dänemark, um dort Pferde anzukaufen. In einem Notizbuch hielt Kreutzmann auch die kleinste Ausgabe fest, die er auf seinen Reisen hatte. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der Verantwortung für den Pferdestall auch die Ausbildung weiterer Kutscher.

Trotz seiner vielfältigen verantwortungsvollen Aufgaben bekam Kutscher Kreutzmann ebenso wie die meisten Gutsarbeiter kaum Bargeld. Die Entlohnung bestand bis in die 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts aus freier Wohnung und Heizung sowie Lebensmitteln. Die Folge dieser Art von Bezahlung war, dass keine Beiträge an die Sozialversicherung abgeführt wurden und die Altersrente entfiel. Kreutzmann verklagte den damaligen Gutsbesitzer Heinrich Carl Schimmelmann (1890 – 1971) und erhielt vom Gericht 1932 eine Rente von 35,– Reichsmark, Feuerungsmaterial und Wohnrecht, zunächst in einem Haus Am Weinberg und später Am Tiergarten (heute Mühlenredder), zu Lasten des Grafen zugesprochen.

Heinrich Carl Schimmelmann, der als zweitältester Sohn nach dem Tode seines Vaters 1922 Ahrensburg geerbt hatte, übernahm nach kurzer Zeit seinen dänischen Besitz Lindenborg in Nordjütland und überließ seinem Bruder Carl Otto Schimmelmann (1891 – 1965) Schloss und Gut Ahrensburg. Die allgemein schlechte Wirtschaftslage, aber auch die Doppelbesteuerung der Güter, führten dazu, dass Schimmelmann Land und Immobilien verkaufen musste. 1933 erwarb Schlossgärtner Max Neumann den linken Teil des Marstalls, den seine Familie bereits seit 1913 bewohnte. Im rechten Teil des Marstalls wohnte bis etwa 1931 der Landvogt des Grafen, Paul Krohn mit seiner Frau und sechs Kindern. Zu den Aufgaben des Landvogtes gehörten die Beaufsichtigung der Landarbeiter und Schnitter und das Aufschließen der Futterkiste zur Fütterung der 32 Ackerpferde.

1937 ging der mittlere Teil des Gebäudes – die Stallungen für die Pferde – in den Besitz des preußischen Staates über. Die Gestütsverwaltung Traventhal richtete eine Deckstation ein. Ein Teil der Pferde wurde auch bei Bauer Griem im Beimoor untergebracht. Der damalige Leiter des Gestüts Kottschlag betreute etwa 20 Holsteiner. Er hatte die ehemalige Wohnung Krohn im rechten Teil des Gebäudes bezogen. Er trug stets Uniform und erteilte in der Reithalle Unterricht.

Die Familie Schimmelmann musste 1932 den Schlosshaushalt aus Kostengründen auflösen. Die Ehe zwischen Carl Otto und Doris war gescheitert. Carl Otto zog mit seiner zweiten Frau Nancy und seinen Kindern vorübergehend in die Schlossmühle und dann nach Plön. Graf Schimmelmann wollte das Familienwappen, das sich über dem Eingang zum Marstall befindet, mitnehmen und hatte bereits Maurermeister Sietz beauftragt, es zu entfernen. Dipl.-Ing. Hans Schadendorff, der seine Lebensaufgabe darin sah, die Baudenkmäler Ahrensburgs und ihre Geschichte zu bewahren, hörte davon. es gelang ihm, Graf Carl Heinrich zu überzeugen, dass das Wappen Bestandteil des Gebäudes sei und dort verbleiben müsse.

Eigentümer der Reithalle und des Marstalls ist heute die Stadt Ahrensburg. Seit dem 09. Februar 1968 steht der Marstall und seit dem 21. Mai 1987 die angrenzende Reithalle unter Denkmalschutz. Das Gebäude wird jetzt vom Kulturzentrum Marstall genutzt.